Warum Unternehmen jetzt genauer hinschauen müssen
Die Anforderungen an den Brandschutz verändern sich. Neue Vorschriften sind in Vorbereitung, die Zahl der Brandeinsätze steigt und Ereignisse wie die Brandkatastrophe von Crans-Montana zeigen eindrücklich, welche Folgen Mängel im Brandschutz haben können. Gleichzeitig entstehen durch neue Technologien wie Photovoltaikanlagen zusätzliche Herausforderungen.
Wir haben mit Marcel Sethe, Product & Solution Specialist bei der Lifetec AG und Brandschutzexperte, über die aktuelle Situation im Schweizer Brandschutz gesprochen und darüber, worauf Unternehmen und Organisationen heute besonders achten sollten.
Marcel, wie ist die aktuelle Lage im Brandschutz in der Schweiz?
Der Brandschutz in der Schweiz befindet sich derzeit in einer Übergangsphase. Die geltenden Brandschutzvorschriften aus dem Jahr 2015 gewährleisten weiterhin ein hohes Sicherheitsniveau. Gleichzeitig arbeitet die Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen gemeinsam mit den Kantonen an einer umfassenden Revision der Vorschriften.
Ziel der sogenannten BSV 2026 ist es, den Brandschutz künftig stärker risikobasiert auszurichten. Dort, wo Menschen oder Sachwerte besonders gefährdet sind, sollen die Anforderungen gezielt erhöht werden. Gleichzeitig sollen unnötige Auflagen reduziert und die Umsetzung schweizweit vereinheitlicht werden.
Was bedeutet „risikobasierter Brandschutz“ konkret für Unternehmen?
Bisher galten in vielen Bereichen standardisierte Anforderungen. Künftig wird stärker berücksichtigt, welches tatsächliche Risiko ein Gebäude oder Betrieb aufweist.
Ein Pflegeheim mit Personen, die sich nicht selbst retten können, benötigt beispielsweise andere Schutzmassnahmen als ein einfaches Lagergebäude. Die neuen Vorschriften sollen daher mehr Verhältnismässigkeit schaffen, ohne das Sicherheitsniveau grundsätzlich zu senken. Für Unternehmen bedeutet das, dass sie ihre Risiken genauer analysieren und dokumentieren müssen.
Welche Entwicklungen beobachtest Du derzeit besonders aufmerksam?
Auffällig ist die steigende Zahl der Feuerwehreinsätze. Im Jahr 2025 wurden über 13’000 Brandeinsätze registriert. Das entspricht einem Anstieg von rund 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig nehmen technische Hilfeleistungen und Einsätze aufgrund automatischer Brandmeldeanlagen kontinuierlich zu. Das Jahr 2026 ist besonders herausfordernd. Bereits zur Jahresmitte wurde die Anzahl der Grossbrände erreicht, die in früheren Jahren erst deutlich später verzeichnet wurde. Diese Entwicklung deutet auf eine markante Zunahme der Anzahl Schadensereignisse hin.
Das zeigt, dass Brandschutz heute weit mehr ist als nur die Verhinderung von Bränden. Es geht um ein ganzheitliches Sicherheitsverständnis mit baulichen, technischen und organisatorischen Massnahmen.
Welche Rolle spielen der Klimawandel und die zunehmende Trockenheit?
Eine sehr grosse Rolle. Längere Hitze- und Trockenperioden wie im Sommer 2026 erhöhen das Brandrisiko deutlich. Dies betrifft nicht nur Wald- und Flächenbrände, sondern auch Gebäude und technische Anlagen.
Feuerwehren berichten bereits heute von einer steigenden Anzahl von Grossbränden. Die Belastung durch extreme Temperaturen nimmt zu und macht Prävention zu einem immer wichtigeren Bestandteil des Risikomanagements.
Ein weiteres aktuelles Thema sind Photovoltaikanlagen. Wo liegen hier die Herausforderungen?
Die Energiewende führt zu einem starken Ausbau von Photovoltaikanlagen. Grundsätzlich handelt es sich um eine sichere Technologie. Dennoch können Fehler bei Planung, Installation, Materialwahl oder Wartung in Einzelfällen zu Brandereignissen führen.
Für Betreiber bedeutet dies, dass neben der eigentlichen Installation auch Inspektionen, Wartungskonzepte und die Integration in bestehende Notfall- und Brandschutzkonzepte immer wichtiger werden. Gleichzeitig müssen Feuerwehren auf solche Anlagen vorbereitet sein, um Einsätze sicher durchführen zu können.
Die Brandkatastrophe von Crans-Montana hat schweizweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Welche Lehren lassen sich daraus ziehen?
Das Ereignis hat eindrücklich gezeigt, dass Brandschutz nie allein auf Vorschriften reduziert werden darf. Entscheidend ist, dass Schutzmassnahmen im Ernstfall tatsächlich funktionieren.
Dazu gehören freie Fluchtwege, geeignete Baumaterialien, funktionierende Brandmeldeanlagen, regelmässige Kontrollen sowie geschultes Personal. Gerade in öffentlich zugänglichen Gebäuden können bereits kleine Mängel schwerwiegende Folgen haben. Die Erkenntnisse aus Crans-Montana fliessen deshalb direkt in die Überarbeitung der künftigen Brandschutzvorschriften ein.
Welche konkreten Massnahmen empfiehlst Du Organisationen bereits heute?
Ich empfehle Unternehmen, den Brandschutz regelmässig ganzheitlich zu überprüfen. Dabei sollten insbesondere folgende Punkte betrachtet werden:
- Aktualität des Brandschutzkonzepts
- Funktionstüchtigkeit von Brandmelde- und Löschanlagen
- Zustand und Nutzbarkeit der Flucht- und Rettungswege
- Regelmässige Wartung technischer Anlagen
- Schulung und Sensibilisierung der Mitarbeitenden
- Einbindung des Brandschutzes in die Notfall- und Krisenorganisation
Viele Organisationen erfüllen die gesetzlichen Mindestanforderungen, schöpfen aber die Möglichkeiten einer wirksamen Prävention noch nicht vollständig aus.
Welche Bedeutung hat die organisatorische Vorbereitung im Ernstfall?
Eine sehr grosse. Selbst die beste Technik kann menschliches Fehlverhalten oder fehlende Abläufe nicht vollständig kompensieren.
Organisationen sollten deshalb klare Alarmierungswege, Evakuierungskonzepte und Verantwortlichkeiten festlegen. Mitarbeitende müssen wissen, wie sie im Brandfall reagieren sollen. Regelmässige Übungen und Instruktionen sind dabei ein zentraler Erfolgsfaktor.
Was ist dein Fazit zum Brandschutz in der Schweiz 2026?
Die Schweiz verfügt weiterhin über ein hohes Brandschutzniveau. Gleichzeitig verändern neue Risiken, technologische Entwicklungen und steigende Schadensereignisse die Anforderungen an Unternehmen und Organisationen.
Wer Brandschutz nicht nur als gesetzliche Pflicht betrachtet, sondern als integralen Bestandteil des Sicherheits- und Risikomanagements versteht, schafft die Grundlage für den Schutz von Menschen, Sachwerten und Betriebsabläufen. Genau darin liegt die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre.