Ergonomie am Arbeitsplatz – wie Abwechslung Rückenschmerzen vorbeugt
In diesem Fachinterview erklärt Monika Suter, Senior Consultant und Fachleiterin Health bei der Lifetec AG, warum Abwechslung die wirksamste Strategie gegen Rückenschmerzen ist – und wie einfache Massnahmen wie Stehen, Bewegen, Mobilisieren und Entspannen den Arbeitsalltag gesünder machen. Von der Wahrnehmung des eigenen Körpers über praktische Faszien-Tools bis hin zu individuellen Arbeitsplatz-Optimierungen: Entdecken Sie praxisnahe Tipps, die Unternehmen und Mitarbeitende sofort umsetzen können.
1. Monika, wie bist du zur Expertin für Ergonomie geworden?
Ich bewege mich seit vielen Jahren in verschiedenen Sportarten – auch als Instruktorin. Daraus ergibt sich ein fundiertes Wissen, kombiniert mit praktischen Fähigkeiten. Ergänzt durch meine Erfahrungen und mein Verständnis aus der Medizin – einschliesslich physischer Traumata – entsteht ein guter Mix aus theoretischem Fachwissen und praxisnaher Anwendung. Im Bereich des Bewegungsapparats ist es entscheidend, Leistungsmöglichkeiten und Grenzen gleichermassen zu erkennen: Jeder Mensch hat sein individuelles Potenzial.
2. Was hat dich persönlich motiviert, dich mit dem Thema Ergonomie zu befassen?
Ich erlebe täglich den direkten Nutzen von Sport – besonders mit zunehmendem Alter spielt die Muskulatur eine entscheidende Rolle. Moderne Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass sie Ermüdung, Krankheiten und Verletzungen reduzieren und den natürlichen Bewegungsdrang fördern, empfinde ich als sehr sinnstiftend.
3. Was verstehst du unter Ergonomie im Arbeitskontext, und warum ist sie besonders in Zeiten von Homeoffice und sitzender Tätigkeit so wichtig?
Der menschliche Bewegungsapparat ist evolutionär auf Aktivität, Gehen und Stehen ausgelegt – nicht auf stundenlanges Sitzen. Deshalb ist die optimale wechselseitige Anpassung zwischen Mensch und Arbeitsumgebung heute wichtiger denn je. Wie Paracelsus treffend sagte: «Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.» Bewegung statt Starrheit, intuitive Gestaltung und Vermeidung von Überbelastung sind der Schlüssel.
4. Welche häufigsten Probleme beobachtest du bei Mitarbeitenden, die viel sitzen?
Dauerhaftes Sitzen führt zu Muskelabbau, verkürzten Hüftbeugern, Bandscheibenproblemen und einem erhöhten Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Rückenschmerzen. Rückenschmerzen sind extrem weit verbreitet und betreffen alle Altersgruppen – laut einer repräsentativen Umfrage der Rheumaliga Schweiz haben 88% der Menschen in der Schweiz schon mindestens einmal in ihrem Leben darunter gelitten.
5. Du betonst in der Schulung die Abwechslung zwischen Stehen, Bewegen, Mobilisieren und Entspannen – warum ist das die beste Ergonomie-Strategie?
Aktiv bleiben und sich ausreichend bewegen sind zentrale Schutzfaktoren gegen Rückenschmerzen. Jede körperliche Aktivität wirkt positiv für die Gesundheit – selbst wenn die offiziellen Empfehlungen nicht vollständig erreicht werden. Entscheidend ist: Hauptsache aktiv! Die WHO empfiehlt Erwachsenen mindestens 150–300 Minuten moderate Ausdaueraktivität pro Woche (z. B. Gehen, Velofahren, Gartenarbeit) oder 75–150 Minuten intensive Aktivität (z. B. Jogging, Schwimmen). Ergänzend sollten mindestens zweimal pro Woche muskelkräftigende Übungen mit mittlerer bis hoher Intensität erfolgen. Vielfalt ist entscheidend: Der wöchentliche Bewegungsumfang sollte Kraft, Ausdauer, Gleichgewicht und Beweglichkeit umfassen.
6. Was ist der typische Ablauf einer Ergonomieschulung bei den Kunden der Lifetec AG?
Die Schulung beginnt mit einem Theorieblock, der elementares Verständnis für den Bewegungsapparat schafft. Danach testen wir gemeinsam den ganz persönlichen Bewegungsumfang, um den individuellen Ist-Zustand zu ermitteln. Es folgt ein praktischer Teil mit der Anwendung von Faszientools.
7. Wie hilfst du den Teilnehmenden, ihre eigene Wahrnehmung zu schulen?
Achtsamkeit entsteht durch gezielte Sinnesübungen. Die körperliche Wahrnehmung wird vor allem durch regelmässiges Training gestärkt – das steigert zugleich kognitive Leistung und Objektivität. Ziel ist es, in der Schulung die Motivation für regelmässiges Training zu wecken und es an die eigenen Möglichkeiten und Bedürfnisse im Alltag anzupassen.
8. Was ist der Faszien-Kurzworkshop, und welche Hilfsmittel aus der «Faszien-Tool-Box» empfiehlst du für den Alltag?
Im Kurzworkshop machen wir das Vorhandensein und die Funktion der Faszien ganz praktisch spürbar. Auf dem Markt gibt es eine grosse Auswahl an Produkten – entscheidend ist, was persönlich «passt» und langfristig überzeugt. Die Präferenzen für Tools sind sehr individuell.
9. Optional bietest du eine individuelle Optimierung der Ergonomie am Arbeitsplatz an – wie läuft das ab, und welchen Mehrwert bringt es?
Dieses Angebot ist auf Kundenwunsch entstanden: Direkt im Anschluss an die Schulung erfolgt eine Sichtung am individuellen Arbeitsplatz mit konkreten Tipps und Empfehlungen zu Einstellungen sowie ergonomischen Hilfsmitteln.
10. Welchen konkreten Nutzen haben Unternehmen und Mitarbeitende von der Schulung? Hast du Beispiele aus der Praxis?
Der Nutzen ist sehr subjektiv und daher schwer skalierbar – Krankheit entsteht oft dort, wo Prozesse aus dem Gleichgewicht geraten, physisch wie psychisch. Regelmässiges positives Feedback sind jedoch weniger Schmerzen und ein deutlich angenehmeres Körpergefühl.
11. Wie können Mitarbeitende mit einfachen Hilfsmitteln ihren Arbeitsalltag erleichtern und präventive Massnahmen selbst umsetzen?
Langandauerndes Sitzen vermeiden und regelmässig mit Bewegung unterbrechen: Öfter aufstehen, kurz die Beine vertreten und weitermachen. Einfache Hilfsmittel wie Faszienrollen oder Bälle können punktuell Entlastung bringen. Wichtig ist Regelmässigkeit – Gesundheit entsteht durch Konsistenz, nicht durch Intensität. Die Anwendung muss zur Gewohnheit werden und fest im Alltag verankert sein.
12. Gibt es Trends in der Ergonomie, die wir in den nächsten Jahren beobachten sollten?
Nichts ist beständig – in der modernen Arbeitswelt sind flexible und kreative Lösungen entscheidend. Ergonomie am Arbeitsplatz lässt sich auch mit kleinem Budget verbessern. Entscheidend ist jedoch: Man muss es eigenverantwortlich tun!