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Bedrohungsmanagement und Gewaltprävention

In Zeiten zunehmender psychosozialer Belastungen und einer spürbaren Veränderung der Bedrohungslage gewinnt ein professionelles Bedrohungsmanagement für Unternehmen und Organisationen in der Schweiz stark an Bedeutung.

Marcel Sethe, Product & Solution Specialist bei der Lifetec AG, erklärt im folgenden Interview, was Bedrohungsmanagement genau bedeutet, welche Inhalte eine wirksame Schulung umfasst und welchen konkreten Nutzen Unternehmen sowie deren Mitarbeitende daraus ziehen. Er beleuchtet zudem die aktuelle Entwicklung der Gewaltkriminalität in der Schweiz und zeigt auf, warum strukturierte Prävention heute wichtiger ist denn je.

1. Marcel, beginnen wir grundlegend: Was versteht man unter Bedrohungsmanagement, und was ist typischerweise Inhalt einer entsprechenden Schulung?

Bedrohungsmanagement ist ein strukturierter, interdisziplinärer Ansatz zur frühen Erkennung, Bewertung und Entschärfung potenzieller Gewaltrisiken. Das Ziel ist es, Eskalationen zu verhindern, bevor es zu konkreten Vorfällen kommt.

Typische Inhalte einer Schulung sind:

  • Grundlagen der Gewaltprävention: Dynamiken von Eskalation, Täterprofile und Risikofaktoren
  • Früherkennung: Verhaltensauffälligkeiten, Drohkommunikation und Warnsignale
  • Risikobewertung: Systematische Einschätzung von Gefährdungslagen anhand evidenzbasierter Modelle
  • Interventionsstrategien: Deeskalationstechniken, professionelle Gesprächsführung und organisatorische Massnahmen
  • Rechtliche Rahmenbedingungen: Relevante Aspekte des Schweizer Straf- und Arbeitsrechts
  • Fallmanagement: Zusammenarbeit zwischen HR, Sicherheitsdiensten, Führungskräften und gegebenenfalls Behörden
  • Praxisübungen: Szenarien, Rollenspiele und Fallanalysen

Die Schulung ist stark praxisorientiert und richtet sich an Unternehmen, Behörden sowie Einzelpersonen mit Verantwortung in Konfliktsituationen. Dank des modularen Aufbaus lässt sich der Kurs gezielt auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden abstimmen und ein optimaler Lerneffekt erzielen.

2. Welche konkreten Vorteile ergeben sich daraus für Unternehmen?

Der Nutzen ist sowohl operativ als auch strategisch messbar. Operativ steht die Risikominimierung im Vordergrund: Durch frühzeitiges Erkennen potenzieller Bedrohungen lassen sich Eskalationen vermeiden, die sonst hohe Kosten und Reputationsschäden verursachen könnten.

Zudem schafft Bedrohungsmanagement Rechtssicherheit. Unternehmen erfüllen ihre gesetzliche Sorgfaltspflicht, insbesondere im Bereich der Arbeitssicherheit und der Fürsorge gegenüber den Mitarbeitenden.

Ein zentraler Aspekt ist der Schutz der Belegschaft: Die physische und psychische Sicherheit am Arbeitsplatz wird nachhaltig gestärkt, was das Vertrauen in die Organisation erhöht. Strukturierte Prozesse reduzieren Unsicherheiten und ermöglichen ein professionelles, koordiniertes Vorgehen in kritischen Situationen.

Schliesslich wirkt sich dies positiv auf die Produktivität aus. Weniger Konflikte führen zu stabileren Arbeitsverhältnissen, geringeren Ausfallzeiten und einer effizienteren Zusammenarbeit. Bedrohungsmanagement verknüpft sich oft mit dem betrieblichen Gesundheitsmanagement und trägt als ganzheitliche Lösung dazu bei, interne Spannungsfelder zu entschärfen.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Sensibilisierung für psychosoziale Risiken entwickelt sich Bedrohungsmanagement zu einem strategischen Erfolgsfaktor moderner Organisationen.

3. Und wie profitieren die einzelnen Kursteilnehmer persönlich?

Auf individueller Ebene erweitert die Schulung zentrale Kompetenzen. Die Teilnehmenden gewinnen vor allem an Handlungssicherheit: Sie lernen, in kritischen Situationen strukturiert und angemessen zu reagieren. Gleichzeitig schärft sich die Wahrnehmungsfähigkeit, sodass auch subtile Warnsignale und Verhaltensänderungen frühzeitig erkannt werden.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Kommunikationskompetenz: Die Teilnehmenden können auch unter Stress professionell und deeskalierend kommunizieren. Sie erwerben zudem fundierte Kenntnisse im Selbstschutz im Umgang mit aggressiven oder potenziell gewaltbereiten Personen.

Die Schulung stärkt die Konfliktlösungskompetenz, indem sie vermittelt, wie Eskalationsdynamiken früh unterbrochen werden können. Diese Fähigkeiten sind nicht nur beruflich wertvoll, sondern bieten auch im privaten Umfeld einen nachhaltigen Mehrwert und mehr Resilienz.

4. Kommen wir zur Lage in der Schweiz: Wie hat sich die Gewaltkriminalität in den letzten Jahren entwickelt? 

Die Entwicklung der Kriminalität in der Schweiz ist differenziert zu betrachten. Gemäss den Erhebungen des Bundesamtes für Statistik (BFS) verläuft die Gesamtkriminalität weitgehend stabil, mit jährlichen Schwankungen.

Im Bereich der Gewaltdelikte zeigt sich jedoch eine tendenzielle Zunahme, insbesondere bei schweren Gewaltstraftaten. Dies betrifft vor allem Körperverletzungen, Drohungen und häusliche Gewalt. Auffällig ist der Anstieg von Drohungen und Konflikten im sozialen Nahraum.

Diese Entwicklung unterstreicht die wachsende Bedeutung einer frühzeitigen Prävention und eines strukturierten Umgangs mit potenziellen Eskalationssituationen.

5. Wie sieht es konkret im privaten Bereich aus?

Im privaten Kontext, insbesondere bei häuslicher Gewalt, bleibt die Relevanz hoch. Die Ursachen sind vielfältig und liegen oft in sozialen Spannungen, wirtschaftlichen Unsicherheiten, psychischen Belastungen oder Konflikten in Partnerschaften und Familien.

Die Polizei registriert regelmässig entsprechende Vorfälle, wobei von einer nicht unerheblichen Dunkelziffer auszugehen ist. Prävention und frühzeitige Intervention sind entscheidend, um Eskalationen zu verhindern und Betroffene zu schützen. Solche Situationen wirken sich häufig direkt oder indirekt auch auf den Berufsalltag aus.

6. Und im beruflichen Umfeld – hat Gewalt auch dort zugenommen?

Ja, auch am Arbeitsplatz sind Veränderungen spürbar. Es kommt vermehrt zu verbalen Aggressionen und Drohungen gegenüber Mitarbeitenden, besonders in Bereichen mit intensivem Kundenkontakt wie der öffentlichen Verwaltung, dem Gesundheitswesen oder beim Sicherheits- und Servicepersonal.

Steigende Lebenshaltungskosten, Energiepreise und Krankenkassenprämien erzeugen bei manchen Menschen Existenzängste, die als Trigger für erhöhte Gewaltbereitschaft wirken können. Physische Gewalt bleibt zwar vergleichsweise selten, doch die subjektiv empfundene Bedrohungslage hat deutlich zugenommen. Dies führt bei vielen Mitarbeitenden zu höherem Stress, Unsicherheit und psychischer Belastung.

7. Abschliessend: Warum gewinnt Bedrohungsmanagement gerade jetzt an Bedeutung?

Die wachsende Bedeutung des Bedrohungsmanagements hängt mit einem veränderten Risikoumfeld zusammen. Die Hemmschwelle für aggressive Kommunikation ist gesunken, und digitale Drohungen nehmen zu. Gleichzeitig steigt die Sensibilität für Sicherheitsfragen und die Fürsorgepflicht von Organisationen gegenüber ihren Mitarbeitenden.

Vor diesem Hintergrund ist Bedrohungsmanagement kein optionales Zusatzthema mehr, sondern ein integraler Bestandteil moderner Unternehmensführung und eine wesentliche Kernkompetenz auf individueller Ebene.

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